„Die Gemeinschaftsgastronomie wird an Bedeutung weiter gewinnen“

Die Spital-, Heim- und Gemeinschaftsgastronomie steht unter Druck: steigende Anforderungen, knappe Ressourcen und ein sich zuspitzender Fachkräftemangel prägen den Alltag. Im Interview ordnet Thomas Leu, der Verbandspräsident der Spital-, Heim- und Gemeinschaftsgastronomie die aktuelle Lage ein, spricht über Chancen sowie Trends und darüber, warum Zusammenarbeit wichtiger ist, denn je.

Herr Leu, wie würden Sie die aktuelle Situation der Spital-, Heim- und Gemeinschaftsgastronomie in der Schweiz beschreiben?
Obwohl die Nachfrage konstant bleibt, steht die Branche unter hohem Druck, denn die Erwartungen sind heute höher denn je. Essen ist in Spitälern, Heimen und Gemeinschaftsgastronomiebetrieben längst mehr als reine Verpflegung: Es trägt wesentlich zu Gesundheit, Wohlbefinden und Lebensqualität bei.

Welche sind aus Ihrer Sicht die grössten Herausforderungen?
Am stärksten spüren wir den Fachkräftemangel und die steigenden Kosten. Dazu kommen höhere Anforderungen an Qualität, Nachhaltigkeit und Individualität – oft bei gleichbleibenden oder sogar sinkenden Budgets. Die Kunst besteht darin, diesen Spagat täglich zu meistern und trotzdem motivierte Teams und zufriedene Gäste zu haben.

Wie wichtig ist die Zusammenarbeit zwischen Gastronomiebetrieben, Zulieferern und der Industrie?
Für mich ist sie entscheidend. Im Alltag sehe ich, dass Lösungen nur dann funktionieren, wenn alle Beteiligten am selben Strang ziehen. Ob es um Lieferengpässe, neue Ernährungsanforderungen oder Kostendruck geht – ohne verlässliche Partner und offene Kommunikation kommen Betriebe schnell an ihre Grenzen.

Wo sehen Sie noch Potenzial für eine stärkere Vernetzung?
Ich sehe Potenzial in gemeinsamen Projekten und im Erfahrungsaustausch. Viele Betriebe stehen vor denselben Fragen, zum Beispiel bei nachhaltigen Produkten, neuen Menülinien oder digitalen Prozessen. Wenn wir hier stärker zusammenarbeiten und voneinander lernen, können wir schneller und praxisnäher vorankommen.

Welche Erwartungen haben die Betriebe an ihre Zulieferer?
Betriebe wünschen sich heute nicht "Zulieferer", sondern verlässliche Partner. Qualität, Liefersicherheit und faire Preise sind die Basis, dazu kommen Transparenz bei Herkunft und Deklaration sowie Flexibilität im Alltag.

Wie können Partner die Gemeinschaftsgastronomie bestmöglich unterstützen?
Praxisnah denken! Das heisst bspw. Produkte, die in grossen Mengen funktionieren, wenig Food Waste verursachen und den Arbeitsalltag vereinfachen. Darüber hinaus sind Beratung und das gemeinsame Entwickeln von Lösungen ein grosser Mehrwert.

Welche Trends prägen aktuell die Gemeinschaftsgastronomie?
Ich sehe vor allem drei Trends: mehr Individualisierung, mehr Nachhaltigkeit und mehr Gesundheitsbewusstsein. In der Praxis heisst das zum Beispiel: flexible Essens-wahlmöglichkeiten oder gezielte Angebote für spezielle Ernährungsformen. Gleichzeitig rücken regionale Produkte, weniger Food Waste und eine bewusste Menüplanung stärker in den Fokus. Essen soll nicht nur satt machen, sondern Sinn ergeben.

Welche Rolle spielt die Digitalisierung in der Branche?
Digitale Bestellsysteme, Menüplanungstools oder Produktionssteuerung helfen, Prozesse zu vereinfachen und Ressourcen besser einzusetzen. Gerade in Zeiten von Fachkräftemangel kann dies ein entscheidender Hebel sein.

Wie sehen Sie die Zukunft der Spital-, Heim- und Gemeinschaftsgastronomie in den nächsten 5 bis 10 Jahren?
Die Bedeutung der Gemeinschaftsgastronomie wird weiter zunehmen. Ernährung wird stärker als Teil von Gesundheit und Prävention gesehen, Betriebe arbeiten spezialisierter und digitaler. Digitale Weiterbildungen gewinnen an Gewicht und erleichtern den Zugang zu wichtigen Kompetenzen.

Welche Chancen ergeben sich trotz der aktuellen Herausforderungen?
Ich sehe Potenzial in innovativen Verpflegungskonzepten, mehr Nachhaltigkeit und neuen Formen der Zusammenarbeit. Betriebe, die mutig neue Wege gehen und ihre Mitarbeitenden einbeziehen, können sich klar positionieren. So kann die Gemeinschaftsgastronomie ihren Wert für Gesellschaft und Lebensqualität künftig noch deutlicher zeigen.

Vielen Dank für das Gespräch.